Bildung geht auch anders

Von Gastbeitrag, 20 November, 2020
Menschen von oben vor einem Computer sitzend, mit den Fingern auf den Bildschirm zeigend

Ein Gastbeitrag von Sabine Depew (seit über 25 Jahren bei Caritas in Köln, Essen und jetzt Kiel in Führungsverantwortung: Landesleitung der Caritas in Schleswig-Holstein im Erzbistum Hamburg. Mehr von Sabine Depew und der Caritas in Schleswig-Holstein: http://zeitzuteilen.blog & https://caritas-sh.de)

Non scholae sed vitae discimus.

Die Worte des römischen Philosophen Seneca sind uns sicher mehr als einmal eingetrichtert worden. Aber als wir sie verstanden hatten, waren wir meistens schon mitten im Leben drin, denn es ist nicht nur das Leben für das wir lernen sollen, sondern das Leben selbst ist unser größter Lehrmeister. Ihm verdanken wir unsere Bildung. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Leben formt uns, lässt uns zur Gestalt werden, macht uns zu dem, was wir sind.

Ich bin Erziehungswissenschaftlerin. Erziehung und Bildung sind die Kehrseiten der gleichen Medaille. Im Amerikanischen gibt es dafür nur ein Wort: Education.

Schulen sind Lebensräume. Der Raum ist dritte Erzieher*in heißt es in der frühkindlichen Pädagogik. Das Leben ist eine Schule.

Und welche Räume bieten wir den Menschen, sich zu bilden, weiter zu entwickeln, groß zu werden, im wahrsten Sinne des Wortes?

Non scholae. Lernräume sind nicht nur in der Schule. Auf Lernräume treffen wir überall. Wenn ich an meine Lieblingsplätze in der Schule denke, waren es die Bühne in der Aula, der Kunstraum, die Turnhalle, der Wald - jedenfalls nicht das Klassenzimmer.

Vor einigen Jahren haben wir in der Caritas ein Projekt gestartet, das nannte sich „Bildung geht auch anders“. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass manche Kinder und Jugendliche, wahrscheinlich mehr als wir denken, nicht für Schule gemacht sind wie sie heute existiert. Das führte dazu, dass sie dem Unterricht nicht folgen konnten, dass sie schulmüde wurden und wegblieben. Und nicht nur die Kinder, auch Erwachsene und ältere Menschen hatten keine Lust mehr die Schulbank zu drücken, obwohl lebenslanges Lernen immer öfter gefordert wurde.

Der Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther zeigt in dem großartigen Film „Alphabet“, dass Lernfreude wenig mit Schule zu tun haben muss. Kreativität, Talente, Wissen, Bildung kann sich ganz anders im Leben entwickeln. Jedes Kind ist hochbegabt, heißt es in dem Film.

Das Projekt „Bildung geht auch anders“ hat uns daher begreifen gelernt, dass wir in der Caritas in allen unseren Diensten und Einrichtungen Lernräume bieten. In der Bahnhofsmission, im Pflegeheim, in der Kinder- und Jugendarbeit, in der Obdachlosenküche.

Eine meiner größten Lernerfahrungen im Leben haben ich vielleicht in einer Zeit gemacht als ich 2 Menschen begleiten durfte, die das Leben immer wieder zurück auf die Straße gebracht hat und die dennoch nicht aufgegeben haben. Und mein bewegendstes Glaubenserlebnis war vielleicht die Überzeugung einer der beiden, dass es einen Gott gibt und, dass es sich lohnt diesem Gott zu folgen.

Interessanterweise stießen wir im Verlauf des Projektes „Bildung geht auch anders“ auf die Erkenntnis, dass Bildungstechnologien ebenfalls interessante Lernräume sein können. So wie die Sesamstraße in den 60er Jahren Kindern aus der Bronx zur Alphabetisierung verhalf, können heute YouTube Tutorials, Apps, Webinare, virtuelle Musik- und Tanzräume bis hin zu spielerischem Erlernen der Fremdsprache neue Formate bilden. 2015 haben viele Flüchtlinge gezeigt, dass sie über ihr Smartphone ihre Reisenrouten gefunden, Hilfe organisiert und sich sprachlich verständigt haben.

Wir müssten in der aktuellen Pandemie jetzt nicht über überfüllte Klassenräume sprechen, wenn Schulen mit digitalen Transformationsprozessen früher begonnen hätten.

Die Zukunft des Lernens und der Lernformate ist hybrid: eine gelungene Kombination aus analogen und digitalen Lernräumen. Digitale Räume sind das neue Leben. Sie gehören selbstverständlich zum Alltag dazu. Und sind auch deswegen so erfolgreich, weil sie Spaß machen. Lernen hat etwas mit Lust zu tun. Wer Freude hat, lernt besser. Alles, was Spaß macht, bildet. Unterhaltung und Lernen wächst zusammen wie damals beim Konzept Sesamstraße. Magister Ludi heißt die Hauptfigur in Hermann Hesses „Glasperlenspiel“. Ein Wortspiel. Ludus heißt sowohl Schule als auch Spiel.

Also, lasst unsere Lernräume zu hybriden Spielräumen werden!