Erbe und Auftrag

Von Maria Herrmann, 26 Oktober, 2020
Bild einer alten Bibliothek, darin Teil einer Leiter, dahinter Reihen von Bücher in Regalen

Damit sich Ideen weiterentwickeln, ist es wichtig, dass sie eine Geschichte, einen Namen, ein Bild bekommen und sich weitererzählen (lassen) können. Mit “Digitale Domschule” haben wir einen Arbeitstitel ausgewählt, der uns für die erste Projektphase sinnvoll erschien: Die Alliteration (beide Wörter beginnen mit dem selben Buchstaben) funktioniert gut und es ist dem Sinn nach eine ungewöhnliche Kombination von Wörtern, die nachfragen lässt: Domschule? Das klingt nach Tradition, nach alten, tragenden Mauern, und alten, staubigen Bibliotheken. Nicht unbedingt nach virtuellen Räumen und digitaler Vernetzung.

Wie hier auf den Seiten an anderer Stelle zu lesen ist, wird der Name vielleicht auch gar nicht bleiben. Das ist Teil der Reise, des Experiments, des Projekts in den nächsten Wochen und Monaten. Aber wir haben den Begriff der Domschule für den Entwicklungsprozess bewusst ausgewählt. Mit ihm lassen sich verschiedene Punkte beschreiben, auf die wir achten wollen und die sich mit dem Begriff verbinden. Drei dieser Facetten will ich heute kurz beschreiben und alle drei haben immense Schattenseiten. Das macht sie nicht unwichtiger oder irrelevanter, im Gegenteil: Weil sie aus ihrem jeweiligen Kontext heraus verstanden werden müssen, sind sie für ein so komplexes Vorhaben wie die Entwicklung einer Digitalen Domschule von enormer Relevanz:

Demokratisierung von Wissen

Domschulen (oder Kathedralschulen) entstanden im Mittelalter. Man kann sie wohl seit dem 8. Jahrhundert nachweisen. Sie sind zeitlich nach den Klosterschulen entstanden, in denen Ordensmänner unterrichtet wurden, die dann in diesen in den Orden und Klöstern wirkten. Das Ziel war also die Ordenspriester auszubilden. Bevor sich diese Ordensschulen auch für andere geöffnet haben, gab es die Domschulen. Das besondere bei ihnen war, dass sie auch, aber nicht nur, Kleriker ausgebildet haben. Sie waren für andere (Männer) offen. Wenn man so will, kann man die Entstehung der Domschulen in ihrer Dynamik so erzählen, dass sie den Zugang zu Wissen mehr Menschen ermöglicht haben, als dies vorher üblich war. Dieser Bewegung wollen wir auch nachgehen, auch wenn und gerade weil uns bewusst ist, dass z.B. Frauen und Menschen aus ärmeren Schichten der Gesellschaft damals weiterhin keinen Zugang zu Bildung hatten. Und so ist unsere Frage mit dem historischen Blick auf die Domschulen: Wie lässt sich der Zugang zu Wissen, auch theologischem Wissen, mehr Menschen eröffnen? 

Freie Künste unserer Zeit

Mit dem Domschulen in Verbindung stehen auch die Freien Künste (auf Lateinisch: artes liberales). Seit der Antike gibt es diesen Begriff. Er beschreibt verschiedene Fächer, in denen man sich bilden oder weiterbilden lassen kann. Sie gelten als Vorbereitung auf die “großen Fakultäten”: so nannte man die Theologie, das Recht und die Medizin. Wenn man Priester werden wollte, musste man vorher die Freien Künste studieren: Zu ihnen gehörte die Lateinische Sprache, Rhetorik und Logik. Auch Mathematik (die man in Zahlentheorie und Geometrie unterteilte), Musik und Astronomie. Sie waren auch das Grundlagenwissen der “Freien Männer”, also jener, die für ihren Lebensunterhalt nicht arbeiten mussten, weil sie reich genug waren oder durch andere gefördert wurden. Auch in diesem Kontext spielt die Frage nach der Bildungsgerechtigkeit und Zugang zu Wissen und Diskursen eine große Rolle. Darüber hinaus lassen sich die Freien Künste auch als Handwerkszeug beschreiben, das notwendig ist, um in einer Gesellschaft zu handeln. Und so sind unsere Fragen in Bezug auf die Digitale Domschule auch: Was sind die Freien Künste unserer Zeit? Welche Erfahrungen verknüpften Wissen, machen frei und fördern Handeln und Entscheiden in unserer Zeit?

Tradition verpflichtet zur Innovation

Domschulen waren wesentliche Bestandteile der mittelalterlichen Bildungslandschaft: In ihnen hat sich Wissen gesammelt, dort wurden unter anderem auch die Entscheider und die Regierenden, die Mächtigen oder wenigstens deren Erzieher erzogen. Was mich an der Idee der Domschule fasziniert ist, dass sie damit Motoren für Entwicklung für und von Gesellschaften waren. Was auf den Domschulen gelehrt wurde, hat Gesellschaften geprägt und sie weiter gebracht (oder im schlechteren Fall blockiert). Gesellschaften sind heute in einem gewissen Sinn komplexer. Ihre Bewegungen und Veränderungen liegen in der Hand vieler. Ich denke, Kirche hat hier nicht nur einen Erbe, sondern auch ein Auftrag, aus dem sie schöpfen kann. Und zwar einer, der sie selbst verändern wird. Und so ist unsere Frage: Was ist das Wissen dieser Zeit, das Gesellschaft und Kirche in einer guten Weise prägen? Welche neuen Erfahrungsräume braucht es, um fürs gute Leben zu lernen?

So kam es zum Arbeitstitel "Digitale Domschule". Und mit diesen, und natürlich vielen weiteren Perspektiven, die hier heute keinen Platz haben, wollen wir mal sehen, wie das Lernen neu Lernen kann, was Digitale Räume für einen Beitrag dazu leisten können und welche Folgen das für ein gutes Leben aller haben kann.