Gott ins Spiel bringen: Kirche als Lernort des Digitalen denken

Von Gastbeitrag, 1 Dezember, 2020
Weiße, digitale Brille und Kopfhörer von oben fotografiert auf einem Holzdielenboden

Ein Gastbeitrag von Katharina Goldinger (Jg. 1981). Sie ist Theologin und Religionslehrerin an einem Speyerer Gymnasium und stellte ihre Diplomarbeit 2005 unter dem Titel „Gott ins Spiel“ bringen und bezog den Titel damals auf ehrenamtliche Seelsorge auf einer Kinderstation der Uni-Kliniken Mainz. Er passt aber auch wunderbar zu Lernerfahrungen im digitalen Raum.

Unser Bild vom Lernen ist oft ein schulisches: Vor dem inneren Auge sortieren sich Bankreihen in Reih und Glied, um eine geordnete Formation mit Blick zur Tafel einzunehmen. Im Dreiviertelstundentakt wechselt das Themengebiet. „Lernen“ ist in dieser Vorstellung das Ansammeln von Informationen, deren lebenspraktischer Nutzen sich unter Umständen erst im  Nachhinein erkennen lässt. Das zugehörige methodische Instrumentarium – von Hausaufgaben über Vokabellisten bis Klassenarbeiten – löst in der reflektierenden Betrachtung üblicherweise eher schweres Schlucken als Freudentaumel aus.
Ich erlaube mir, scharf zu überzeichnen. Das ist nicht gerecht, vor allem nicht den Lehrenden gegenüber. Mir geht es nur um das Bild im Kopf: Lernen ist - je nach eigener Schul-, Ausbildungs- und Studienerfahrung – unter Umständen nicht gerade positiv besetzt. Dabei funktioniert es paradoxerweise erst dann, wenn es Freude macht.

Wir lernen ständig. Lernen ist nie abgeschlossen, sondern ereignet sich. Insofern kann man eigentlich nicht von „Lernprozessen“ sprechen, denn Lernen ist per se Prozess. Hinzu kommt, dass wir nicht nur lernen, wenn wir uns vornehmen, es zu tun. Wir lernen auch implizit: Indem wir etwas tun, erwerben wir Fähigkeiten und/oder optimieren sie. Dabei hilft uns der Modus des Experiments mit der Option des Scheiterns.

Lernen entsteht also sowohl als Ergebnis von Handlungen als auch im Handeln selbst. Und weil wir nicht kontextlos handeln können, sondern jede Handlung Auswirkungen auf Umwelt und Umfeld hat, beeinflusst das Lernen unser Verhalten, motiviert zur Veränderung aus der Erfahrung heraus und stabilisiert unsere eigene Position im sozialen Gefüge. Unsere Motivation schöpfen wir dabei aus Ereignissen, die eine Verhaltensänderung unabdingbar machen.
Unser Nervensystem ist darauf optimal vorbereitet: Jedes Lernen ist Verbindung oder Verstärkung neuronaler Verknüpfungen durch gleichzeitige Aktivierung in zwei Neuronen(gruppen). Es bildet sich ein Netzwerk im ursprünglichsten, im organischen Sinn.

Am schnellsten und ausführlichsten wird ein solches Netzwerk im Kindesalter angelegt. Weil eine einzelne Handlung nicht ausreicht, um uns in die komplexen Zusammenhänge der Welt sicher einzubinden, spielen Kinder. Das Spiel ist nicht Mangel an Ersthaftigkeit, sondern Austesten unendlich vieler Handlungsmöglichkeiten. Jedes Scheitern wird mit einer neuen Handlungsvariante belegt, jede soziale Verstärkung festigt eine eingeübte Handlungsoption. Dabei ist das Kind darauf angewiesen, neue Erfahrungsräume zu erschließen und Fähigkeiten zu erwerben. Erst ein gut gefüllter „Werkzeugkoffer“ ermöglicht komplexe Weltdeutung. Auf beinahe poetische Art hat Maria Montessori deshalb dafür geworben, Kindern nicht Lösungen für eine Problemstellung zu liefern, sondern Werkzeuge, um selbst Lösungen zu erarbeiten. Ihr Leitspruch „Hilf mir, es selbst zu tun“  revolutionierte die Pädagogik, denn – auch das ist Lernen – er änderte die Perspektive: Der Lehrende ist nicht zentral, indem er Lösungen vorgibt, sondern indem er die Rolle des Kindes einnimmt, in die Knie geht, sich klein macht und aus dem Schatz der eigenen Erfahrung Werkzeuge zur Weltdeutung anbietet.

Uns Christ*innen müsste das bekannt vorkommen: Jemand, der sich klein macht. Menschwerdung ist so eine schöne, weil absolut nahe Theologie. Ich bin überzeugt, dass Montessoris Leitspruch auch Gebet ist, und zugleich die Art, in der Gott uns nahe sein will. Lernen ist etwas göttliches: Weltdeutung und -erschließung haben immer auch mit den großen Fragen zu tun, die über uns kleine Menschen hinaus verweisen. Gott nimmt darin eine Doppelrolle ein: Er ist der Lehrende, der uns nicht fertige Lösungen präsentiert, sondern uns an uns selbst wachsen lässt, indem er uns zutraut, die Fähigkeiten, die er uns in die Wiege legte, gut einzusetzen. Manchmal unterstützt er das, indem er uns zu einem anderen Werkzeug rät: Der Faustkeil taugt nicht immer zur Problemlösung. Er entlastet uns aber nicht davon, Welt selbst zu erschließen und sie verantwortungsvoll und gut zu gestalten. Zum anderen ist er bester Freund und Spielgefährte: Ein Gegenüber, das uns im gemeinsamen Spiel herausfordert, prägt, an Regeln erinnert und gemeinsam mit uns Handlungsoptionen auf Tauglichkeit prüft, damit wir im Ernstfall gut ausgerüstet sind. Das Spiel hat dabei nichts kindisches, sondern etwas kindliches. Es ist Lernen im besten Sinn: Nicht frustbesetzt, sondern mit großer Freude am Tun verbunden.

Ich finde, dass die Perfektion und Akribie, mit der menschliche Körper, ebenso wie die aller Lebewesen, ausgebildet sind, durchaus als Hinweis auf einen Schöpfer mit Freude am Detail interpretierbar sind. Das gilt auch für die Neuronalstruktur. Da wachsen während wir lernen von zwei (!) Seiten Verknüpfungen zusammen, die im Ergebnis ein Netzwerk bilden, das dazu taugt, sich Strategien und Konzepte zu überlegen, Demokratien zu organisieren, Kreativitätsexplosionen hervorzurufen oder Steuererklärungen zu bewältigen. Wäre es so abwegig anzunehmen, dass auch das ein kleiner Fingerzeig Gottes ist, der Seine Sphäre ganz selbstverständlich mit unserer verwoben hat?

Wir sind – zumindest wenn man IT- Strateg*innen glauben darf – mit der weltweiten elektronischen Vernetzung nun nahe dran, eine künstliche Vernetzung zu schaffen, die der organischen unseres Nervensystems vergleichbar ist. Ob das Fluch oder Segen ist, ist noch nicht ausgemacht. Das Internet bietet unglaubliche Chancen, was das Lernen betrifft: Während unsere Synapsenverknüpfungen sich ohne Repetition verlieren und wir vergessen, vergisst das Netz nicht oder zumindest deutlich langsamer. Es umfasst unglaubliche Datenmengen und kann sie in Millisekunden verarbeiten. Es vernetzt unser Wissen global. Es beugt Ungerechtigkeiten im Bildungssektor vor, weil Wissen leichter und freier zugänglich ist. Es fordert uns aber auch heraus: Das Netz kennt – ebenso wie KI - keine Ethik. Es spuckt unfassbar viele Informationen aus, denen wir schutzlos ausgeliefert sind und dockt dabei – so zum Beispiel Soziale Netzwerke - optimal an unsere psychologische Verfasstheit an. Algorithmen loben oder strafen uns und erziehen uns im Sinn gewinnorientierter Unternehmen, die zwischenzeitlich als absolute Global Player sehr viel Macht binden.

Ob Gott auch im Netz ist? Ja. Ich bin überzeugt davon, dass es keinen „gottfreien“ Raum gibt, auch keinen digitalen. Wir haben alle Talente in der Hand, ihn gut zu gestalten, Gefahren zu erkennen, uns selbst in unserem Können zu beschneiden, wenn wir ethische Zweifel haben. Wir können gestalten und unser Sozialgefüge Kirche auch im digitalen Bereich zu einem Lernraum machen. Nicht unbedingt nur zu einem Lernraum, der eine digitale Plattform und so leicht erreichbar ist, sondern mehr zu einem Lernraum für die digitale Welt, in dem wir die Frage nach Gott laut und klar formulieren. Er ist ohnehin schon da und hat das Werkzeug bereit gelegt, das es uns ermöglicht, auch hier im besten Sinne spielerisch Handlungsoptionen zu prüfen.

Das wünsche ich der digitalen Domschule: Dass sie ein Lernort des Digitalen werde, an dem die Talente derer, die sie gestalten, leuchten können. Damit sie mit spielerischer Leichtigkeit Anderen die Tools in die Hand legen, die diese befähigen, Kirche, Glaube und den digitalen Raum selbst zum Leuchten zu bringen.