Wie ein Praktikum online aussieht

Von Johannes Schulte, 13 Februar, 2021
Wandbild mit einem großen Stift darauf steht: Love to learn (liebe es zu lernen)

Hallo zusammen!

Ich bin Johannes Schulte und eigentlich sollte ich jetzt nicht vor dem PC sitzen, sondern in einem Klassenzimmer. Warum? Ich studiere im vierten Semester Praktische Theologie in Mainz und würde jetzt regulär ein Schulpraktikum irgendwo im Bistum Mainz absolvieren. Stattdessen bin ich hier bei Maria Hermann gelandet, die im Bistum Hildesheim mit der Aufgabe der "Strategischen Innovation" betraut ist. In den nächsten fünf Wochen werde ich in meinem Praktikum der Frage auf den Grund gehen, was es mit der Digitalen Domschule Hildesheim denn so genau auf sich hat. So viel kann ich euch aber schon mal verraten: Das Projekt verknüpft jede Menge Herzblut und tiefe Überzeugung ganz verschiedener Menschen ..

Wer sich unter der Digitalen Domschule jetzt so etwas wie eine richtige Schule mit Lehrer und Schülern als Online-Variante vorstellt, ist gedanklich ein wenig auf dem Holzweg. Denn nicht nur das Format und der Aufbau dieser Domschule unterscheiden sich deutlich von einer normalen Schule: Es geht um ein ganz neues Bild von Kirche, was sich hier entwickelt. Kirche, die das gute Leben fördern will und die sich mehr von ihrer Mission her versteht. Aber dazu später mehr.

Was hat mich überzeugt? Warum gerade hier?

Gute Frage. Corona macht natürlich vieles undenkbar und zwingt uns dafür, ganz neu zu denken. In meinem Fall sicherlich ein Glückstreffer, denn über das Netzwerk verschiedener cooler Leute kam ich zum Projekt der Digitalen Domschule. Dieses Praktikum der seltsam-neuen Art sehe ich als Chance für mich, Neues kennenzulernen, mich von Ideen entzünden zu lassen, die schon weiter gedacht sind, als meine eigenen und um in Kontakt mit Leuten zu treten, die wirklich einen Stein ins Rollen bringen wollen. Dieses Projekt der Digitalen Domschule dient nämlich gerade nicht dem Erhalt einer - wie eine verkommene Ruine - "zerfallenden Kirche", sondern zeugt von einem wirklichen Umdenken. Kirche wird hier ganz neu gedacht und deswegen möchte ich mit dabei sein.

Die Macht der Glaubensbilder

Meine erste Woche neigt sich dem Ende zu und ich will gemeinsam mit dir nochmal in meine Entdeckungen und Erfahrungen der zurückliegenden Woche eintauchen. Du weißt, was ein "Barcamp" ist? Naja, ich wusste es bis jetzt nicht. Noch nie gehört ... Es gibt wohl kein besseres Event zum gegenseitigen Austausch, zur Entwicklung neuer Ideen und zur Verknüpfung von Menschen mit den gleichen Glaubensbildern! Und das war nur eine von vielen Erfahrungen, die ich sammeln durfte, um mich auf das Projekt "Digitale Domschule" einzustimmen. Ein Gedanke hat mich diese Woche so besonders inspiriert, dass ich ihn unbedingt mit dir teilen will: Die Idee vom Goldenen Kreis. Noch nie gehörte? Dann musst du dir unbedingt dieses Video anschauen.

Es ist nicht die sachliche Ebene, die uns Menschen von etwas überzeugt, sondern der gemeinsame Glaube an etwas. Glaubensbilder fragen nach dem "Warum". Was ist es, was mich als Mensch antreibt? Was ist meine tiefe Überzeugung? Die Digitale Domschule formt ein neues Bild von Kirche. Sie fragt neu nach dem "Warum" des Glaubens und bringt dadurch viele verschiedene Menschen zusammen. In dieser Woche habe ich zum ersten Mal begriffen, dass es eine Alternative gibt, als nur über Missstände in der Kirche zu nörgeln. Wer am Alten kritisiert, begeht den Fehler, dass er immer noch gedanklich beim gleichen alten Glaubensbild bleibt. Die Digitale Domschule formuliert positive Glaubensbilder: Kirche hat nichts zu verlieren, Kirche hat eine Vision!

Ein Kind von Taizé

Das ist mein Zugang. Ich habe Gemeinschaft und Verbundenheit durch den Glauben nicht in der katholischen Kirche gelernt, sondern an diesem besonderen Ort in Taizé erfahren - mit den Menschen, die mir dort begegnet sind. Auch wenn ich im kirchlichen Kontext aufgewachsen bin und mich heute noch als Pfadfinderleiter und Kurat in meinem Stamm in der Ortsgemeinde engagiere, ist mir ein persönlicher Bezug zu Gott immer verwehrt geblieben. Denn Taizé schafft es, im Gegensatz zu anderen Orten, das Moment der Begegnung des anderen Menschen mit dem Moment der Begegnung mit Gott zu verbinden.

Gemeinschaft und der Glaube an Gott sind verbunden und können meiner Meinung nicht getrennt gedacht werden. Das Sprechen über Gott und über biblische Texte - auch aus theologischer Perspektive, aber auch die persönlichen Glaubenserfahrungen des Anderen, das Nachdenken über Gott, Gemeinschaft erleben und gleichzeitig durch die täglichen Gebete in Gott verwurzelt sein, schafft für mich einen ganz besonderen Rahmen und Nährboden für meinen persönlichen Glauben. Das hat mich mehr geprägt, als 20 Jahre im Rahmen der Kirche aufzuwachsen.

Lernen? - in einer Digitalen Domschule!

Warum gibt es die Domschule überhaupt und was will ich dort lernen? Die Domschule findet ihren Ursprung zunächst in der tiefen Überzeugung, dass Kirche neu gedacht werden kann und dass es als ChristenInnen unsere Aufgabe ist, sie auch tatsächlich neu zu denken. Denn wir sind Kirche. Wo zwei oder drei sich in Seinem Namen versammeln, da ist Er mitten unter ihnen. Damit ist uns alles in die Wiege gelegt, was wir brauchen, um Kirche zu gestalten.

Aber wo jetzt genau anfangen? In der Zeit während meines Praktikum möchte ich mein Verständnis von Lernen mit einbringen. Ein Ansatz von diesem neuen Lernen kann für mich folgendermaßen aussehen:

Lernen funktioniert auf zwei Ebenen. Es gibt eine inhaltliche Ebene, auf der sich jeder Mensch Ideen und Wissen aneignen kann. Er macht sich diese Ideen zu eigen, denkt sie weiter und belebt sie dadurch inhaltlich neu. Die andere, uns viel stärker beeinflussende Ebene ist die der "Form". Hier werden wir auf einer vor-sprachlichen Ebene geprägt und geformt. Jeder Inhalt hat eine Form und diese Form beeinflusst stark, wie wir mit Inhalten umgehen, wie wir Inhalte verstehen.

Gutes Leben und Katholische Kirche?

Ich glaube, dass die Botschaft der Evangelien, die Botschaft Jesu uns zur Quelle eines guten Lebens führen kann. Gut im Umgang miteinander, denn sie schätzt das Leben und den Wert jedes einzelnen Menschen. Doch über ihre Form, wie sich Kirche als Institution ausdrückt, verrät sie uns auch, ob sie wirklich an diese Werte glaubt. Missbrauchsfälle sind ein klares Zeichen dafür, dass die Form dem Inhalt widerspricht. Die Konsequenz ist das Gefühl, dass Kirche als Institution ihre eigenen Inhalte nicht ernst nimmt. Wie also können wir sie ernst nehmen?

Das bedeutet für mich

In meinem Praktikum werde ich selbst auch damit beauftragt werden, analoge Inhalte in eine neue, digitale Form zu bringen. In der Digitalen Domschule wird die größte Herausforderung für mich darin bestehen, wie ich die Botschaft des guten Lebens auch durch ihre Form ausdrücken kann. Daran werde ich in den kommenden Wochen arbeiten. Das kann also auch für mich heißen, dass mich dieser Prozess selbst verwandeln wird. Denn je mehr ich selbst davon überzeugt bin, was ich denke und fühle, desto mehr wird sich das auch in der Form widerspiegeln, die ich prägen werde und desto mehr wird die Botschaft andere Menschen berühren. Denn ein Ziel der Digitalen Domschule ist es, die Lehre von einem guten Leben zu lehren, zu lernen und zu leben.